Ein Cavalier, der sich beharrlich an Hals und Schulter kratzt, ist einer der häufigsten Gründe, aus denen ein Besitzer dieser Rasse zum Tierarzt geht. Das Verhalten wirkt harmlos und wird leicht einer Angewohnheit, Flöhen oder trockener Haut zugeschrieben, kann bei dieser Rasse aber das erste Zeichen einer ernsten neurologischen Erkrankung sein.
Dieser Text hilft, gewöhnliches Kratzen von jenem zu unterscheiden, das eine Untersuchung erfordert, und erklärt, was der Tierarzt der Reihe nach ausschließt, bevor überhaupt an die schwerste Ursache gedacht wird.
Gewöhnliches Kratzen und Kratzen ins Leere
Jeder Hund kratzt sich. Der Unterschied liegt darin, wie es aussieht.
Beim gewöhnlichen Kratzen berührt die Pfote die Haut, der Hund kratzt genau die juckende Stelle, hört nach wenigen Sekunden auf und macht weiter, was er zuvor tat. Bei dem Kratzen, das Anlass zur Sorge gibt, bewegt sich die Pfote zum Hals, berührt die Haut aber oft gar nicht oder streift sie nur.
In der veterinärmedizinischen Literatur heißt dieses Verhalten Kratzen ins Leere und ist das kennzeichnendste Anzeichen einer Syringomyelie beim Cavalier. Der Hund sucht dabei keine Linderung eines Hautjuckreizes, sondern reagiert auf eine Empfindung, die aus dem Rückenmark selbst kommt.
Woran man Kratzen erkennt, das eine Untersuchung erfordert
Mehrere Umstände unterscheiden dieses Verhalten von gewöhnlichem Juckreiz:
- die Pfote berührt die Haut nicht oder nur teilweise
- es tritt im Gehen auf, an der Leine, oder wenn der Hund aufgeregt und unruhig ist
- es ist stets auf derselben Seite und stets im Bereich von Hals und Schulter
- die Haut ist an dieser Stelle völlig unauffällig, ohne Rötung, Wunden oder Schuppen
- es hört nach dem Baden, einer Parasitenbehandlung oder einem Futterwechsel nicht auf
- es geht mit gelegentlichem Aufjaulen, steif gehaltenem Kopf oder Unlust zu springen einher
Treffen drei oder mehr dieser Punkte zu, ist ein Gespräch mit dem Tierarzt über eine neurologische Untersuchung gerechtfertigt.
Was Kratzen am Hals auslösen kann
Bevor überhaupt an das Rückenmark gedacht wird, werden häufigere und leichter behebbare Ursachen ausgeschlossen. Beim Cavalier sind das der Reihe nach:
- Parasiten. Flöhe, Zecken und Räude sind die häufigste Juckreizursache bei allen Hunden und werden zuerst überprüft.
- Ohrenentzündung. Wegen ihrer langen Schlappohren neigen Cavaliere zu Infektionen, und Schmerz aus dem Ohr zeigt ein Hund oft durch Kratzen am Hals und Schieflegen des Kopfes.
- Allergie. Eine Reaktion auf Futter oder Umweltstoffe verursacht Juckreiz, der meist auch Pfoten, Bauch und die Augenumgebung betrifft.
- Das Halsband. Ein zu enges oder scheuerndes Halsband reizt die Haut am Hals.
- Trockene Haut. Im Winter trocknet die Haut durch die Heizung aus und juckt, doch dann ist das Kratzen nicht auf eine einzige Stelle beschränkt.
- Syringomyelie. Eine neurologische Erkrankung, bei der sich im Rückenmark mit Flüssigkeit gefüllte Hohlräume bilden.
Die ersten fünf Ursachen klärt oder behebt der Tierarzt in ein bis zwei Terminen. Bleibt das Kratzen danach bestehen, folgt die neurologische Untersuchung.
Warum beim Cavalier zusätzliche Vorsicht nötig ist
Bei den meisten Rassen hat beharrliches Kratzen am Hals fast immer eine Hautursache. Beim Cavalier ist das nicht so, denn die Rasse neigt besonders zu Chiari-artiger Malformation und Syringomyelie.
Beim Cavalier ist der hintere Schädel zu klein für das Gehirn, sodass der Fluss der Gehirnflüssigkeit am Übergang von Kopf zu Hals gestört ist. Unter Druck bricht die Flüssigkeit ins Rückenmark ein und bildet Hohlräume, die auf die Nervenfasern für Berührung drücken. Der Hund spürt ein Kribbeln an einer Stelle, an der die Haut völlig gesund ist.
Deshalb wird bei dieser Rasse Kratzen ins Leere niemals ohne Untersuchung einer Angewohnheit zugeschrieben.
Wann Sie zum Tierarzt sollten
In folgenden Situationen sollte eine Untersuchung nicht aufgeschoben werden:
- das Kratzen dauert trotz Parasitenschutz länger als zwei Wochen
- der Hund jault ohne erkennbaren Anlass, besonders nachts oder beim Aufstehen
- er lässt sich Hals, Ohr oder Schulter nicht anfassen
- er meidet Treppen, das Springen aufs Sofa oder das Senken des Kopfes zum Napf
- er hält den Kopf schief oder läuft unbeholfen
Halten Sie fest, wann das Kratzen auftritt, und filmen Sie es mit dem Handy. Ein kurzer Clip, auf dem zu sehen ist, dass die Pfote die Haut nicht berührt, ist dem Tierarzt mehr wert als jede Beschreibung, denn in der Praxis zeigt der Hund das Verhalten oft überhaupt nicht.
Was bei der Untersuchung geschieht
Der Tierarzt untersucht zuerst Haut und Ohren und nimmt Abstriche, wenn Verdacht auf Infektion oder Parasiten besteht. Ist die Haut unauffällig, folgt eine neurologische Untersuchung, bei der die Empfindlichkeit des Halses und die Reaktion auf Berührung geprüft werden.
Weist der Befund auf eine neurologische Ursache hin, ist der einzige zuverlässige nächste Schritt ein MRT von Kopf und Halswirbelsäule. Es wird in Narkose durchgeführt und zeigt sowohl die Schädelform als auch etwaige Hohlräume im Rückenmark.
Röntgen und Blutuntersuchung helfen hier nicht, denn die Hohlräume sind darauf nicht zu sehen.
Was, wenn sich die Syringomyelie bestätigt
Eine Diagnose ist nicht das Ende eines normalen Lebens. Manche Hunde mit Hohlräumen im Befund haben nie ernste Beschwerden, und bei denen, die sie haben, lässt sich der Schmerz meist gut medikamentös kontrollieren.
Neben der Therapie helfen auch einige einfache Änderungen im Alltag: ein Brustgeschirr statt Halsband, der Futternapf auf Brusthöhe, eine ruhige Umgebung und der Verzicht auf plötzliche Sprünge.
Über die Krankheit selbst, die Befundgrade und die Zuchtempfehlungen haben wir in einem eigenen Text zur Syringomyelie geschrieben.
Fazit
Kratzen am Hals ist beim Cavalier nicht zwangsläufig ein Krankheitszeichen, verdient bei dieser Rasse aber Aufmerksamkeit. Berührt die Pfote die Haut nicht, ist die Haut unauffällig und hört das Kratzen trotz Parasitenschutz nicht auf, handelt es sich wahrscheinlich nicht um Juckreiz, sondern um eine Empfindung von innen. Eine frühe Untersuchung ändert dann vieles, denn Schmerz lässt sich leichter kontrollieren, wenn man rechtzeitig beginnt.
Hinweis: Dieser Text dient der Information und ersetzt weder Untersuchung noch Beratung durch einen Tierarzt. Für Diagnose und Therapie wenden Sie sich an Ihren Tierarzt, möglichst an einen Fachtierarzt für Neurologie.
Verwandte Themen
- Mitralklappenerkrankung (MVD) beim Cavalier: Stadien, Anzeichen und Behandlung
- Herzgeräusch beim Cavalier: was es bedeutet und wann es Anlass zur Sorge ist
- Syringomyelie und Chiari-artige Malformation beim Cavalier
- Welche Gesundheitsuntersuchungen für die Elterntiere eines Cavalier-Wurfs Pflicht sind
- Die zu erwartende Lebensdauer des Cavaliers und was sie beeinflusst
- Ein Vorsorgeplan für den Cavalier nach Lebensalter
- Augenprobleme beim Cavalier: was auftritt und woran man es erkennt
- Patellaluxation beim Cavalier: die herausspringende Kniescheibe kleiner Rassen
- Ohrenprobleme beim Cavalier — warum Schlappohren mehr Pflege brauchen
- Wie man einen kardiologischen Befund beim Cavalier liest
- MRT-Untersuchung auf Syringomyelie: wann, wie und was der Befund bedeutet
- Impfung und Entwurmung beim Cavalier: Plan nach Alter
- Leben mit einem Cavalier mit MVD-Diagnose
- Gesundheit des Cavalier King Charles Spaniels — Überblick über alle Themen
- Welpen aus einer Zucht mit gesundheitlich untersuchten Elterntieren



